Rezension über Edith Whartons Gespenstergeschichten

Glauben Sie an Geister?

 

Aktuelle Kinofilme wie Die Frau in Schwarz beweisen, dass der Wunsch nach Oldschool-Grusel mit seinen unheimlichen Anwesen und Gespenstern ungebrochen ist. Wie ein Nebelhauch zieht er sich durch die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit hinein. Dabei muten Edith Whartons Gespenstergeschichten von 1936 wie ein Kontrastprogramm an zwischen Moderne und Althergebrachten, denn Ghosts erschien zu einer Zeit, als sich der Prototyp des Hubschraubers in die Lüfte erhob und am Bau der ersten Atombombe getüftelt wurde. Der wohlhabende Mensch besaß Telefon und Zentralheizung, während er sich die Mahlzeiten von seiner Hausangestellten zubereiten ließ und mit dem Mercedes zur Arbeit fuhr.

 

Diesen modernen Menschen, schreibt Wharton in ihrem Vorwort, sei der Geisterinstinkt und die Fähigkeit, Trugbilder des Unwirklichen zu empfangen, längst abhandengekommen. Man sollte nicht den Fehler begehen, einen Geist mit verborgenen Türen und schummrigen Korridoren in Verbindung zu bringen, womit sie das Kernstück der klassischen Phantastik beschreibt: »Die Geisterwelt entspringt rein aus dem Schweigen und der Beständigkeit«. Erst wenn das Jazz-Gedudel aus dem Radio verstummt ist, entfalte sich das wahre Wesen des Unheimlichen, Geisterhaften. Das Gefühl der Furcht ist nicht erklärbar wie der Gebrauch einer Taschenlampe, mit der sich der Suchende in den Winkeln modriger Gemäuer zurechtfinden muss. Das Gefühl der Furcht entsteht dann, wenn besagte Lichtquelle versagt und sich das leise Wehen der Vorhänge um Mitternacht um die Seele des Besuchers windet und vermeintliche Sinnestäuschungen Wirklichkeit werden lässt.

 

Das unbekannte Grauen

In der Phantastik wird seit jeher mit der Faszination des Menschen an den Nachtseiten des Lebens gespielt. Man betrachtet etwas Schönes – einen pittoresken Landsitz oder ein geschmackvoll eingerichtetes Zimmer -, und empfindet es als lustvoll, wenn mit diesen Orten etwas Grausames verbunden ist.

 

Fraglos gehört es zur Königsdisziplin dieses Genres, allein durch Andeutungen, Vermutungen und gezielt gesetzten Bemerkungen eine Atmosphäre der Anspannung zu verleihen. Mit ihrem präzisen Scharfblick vermag es Wharton, jenen phantastischen Nimbus zu entsprechen. Dabei verzichtet sie auf die für jene Zeit übliche Mode, übernatürlichen Erscheinungen mit rationalen Erklärungen zu begegnen, oder gar ihre Entstehung mit fremdartigen Apparaten zu enträtseln.

 

Wie es sich für klassische Spukgeschichten gehört, spielt sich ein Großteil der Geschichten in altertümlichen Gemäuern ab, die sich irgendwo in einem sagengeschwängerten Landstrich Südenglands befinden. In Die Glocke der Kammerzofe schleicht man mit der frisch angestellten Kammerfrau über verwinkelte Treppenaufgänge, da sie das unheimliche Läuten der Glocke aus dem Schlaf gerissen hat. In klassischer Manier gerät sie dabei an den Geist ihrer Vorgängerin, die ihr das Geheimnis ihrer Hausherrin offenbart.

 

In Danach erwirbt das amerikanische Ehepaar Boyne in der Provinz Englands ein Haus, um dem Trubel der Großstadt zu entkommen. Wie es sich für einen englischen Landsitz mit weit zurückreichender Vergangenheit gehört, soll es ein eigenes Hausgespenst beherbergen – schließlich will man den Freunden gegenüber ein wenig angeben. Ihr zukünftiges Anwesen besitzt zwar besagtes Gespenst, das man jedoch »nicht sofort sieht, sondern erst danach«. Das Gewicht dieses unheilschwangeren »danach« lastet schwer auf Mrs Boyne, die nach einer Erklärung für das seltsame Verhalten ihres Mannes forscht. Dieser hütet ein dunkles Geheimnis, und erst zum Schluss, danach, löst sich das Rätsel auf. Bisweilen liegen die Erklärungen näher, als man denkt.

 

Eine diffuse Ahnung von unheilvoller Bedrohung schleicht sich auch durch die folgenden Erzählungen. In Granatapfelkerne beschreibt Wharton den abscheulichen Einfluss, den eine verstorbene Ehefrau auf ihren Gatten ausübt, indem sie ihm Briefe aus dem Jenseits schreibt. In einer kurzen Fußnote gleich zu Anfang wird die Bedeutung des Granatapfels in der griechischen Mythologie erläutert, was den weiteren Verlauf der Geschichte erahnen lässt.

 

Von Südengland aus geht es weiter in die Bretagne. Auf der keltisch geprägten Halbinsel im Westen Frankreichs handeln gleich zwei Geschichten, Kerfol und Miss Mary Pask.

 

Kerfol ist ein gepflegtes, wenn auch ein wenig heruntergekommenes schlossähnliches Anwesen mit Bergfried, Graben und einer angrenzenden Kapelle, die gewöhnlich für Besucher zugänglich ist. Schlagartig fühlt sich sein zukünftiger Besitzer und Ich-Erzähler von dieser altertümlichen Schönheit angezogen. Um Zutritt in das Innere der Besitzung zu erhalten, macht er sich auf die Suche nach dem Küster. Dabei wird er von einem Rudel streunender Hunde verfolgt, die sich ausgesprochen merkwürdig verhalten. Sie beobachten jeden seiner Schritte aus ernsten Augen, ohne je einen Laut von sich zu geben. Am Ende wächst die stumme Meute auf fünf Tiere an, die dem Mann jedoch nicht daran hintern, den Hof und die anliegenden Stallungen zu betreten. Da sie nicht im Geringsten aggressiv wirken, will er sich ihnen nähern, aber die Tiere weichen scheu zurück, als habe die Stille der Anlage nach und nach ihre Neugier und Munterkeit gelähmt. Da sich der Verwalter nirgendwo blicken lässt, begibt sich der Käufer zurück zu seinen Freunden und erzählt ihnen von seinem unheimlichen Erlebnis. Mit Verwunderung stellt man fest, dass der Küster eigentlich hätte anwesend sein sollen, und auf sein Nachfragen hin, woher die seltsamen Hunde stammen, lautet die verblüffte Antwort: »Es gibt in Kerfol keinen einzigen Hund.« Seine anschließende Recherche über die Vergangenheit des Hauses gibt Aufschluss darüber, woher die Hunde stammen und welch grausiges Geheimnis sie mit dem einstigen Besitzer von Kerfol verbindet.

 

Die Erzählung Miss Mary Pask spielt mit der Verwirrung, die eine Geistererscheinung bisweilen hervorrufen kann. Um sich von einem Nervenleiden zu erholen, verbringt der männliche Erzähler ein Jahr in der Bretagne, um sich mit den schönen Künsten zu beschäftigen. Eine Freundin bittet ihn, ihre Schwester Mary Pask zu besuchen, die als verschrobene Einsiedlerin in einem Haus in Morgat lebt. Schon der Weg dorthin gerät zu einer schauerlichen Kutschfahrt durch undurchdringliche Nebelfetzen und vorbei an den Glotzgesichtern weidender Kühe. Der Kutscher verliert die Nerven, zudem wird die Fahrt von den Befürchtungen begleitet, das Haus niemals zu erreichen und stattdessen geradewegs über die Klippen in den tosenden Atlantik zu stürzen.

 

Endlich am Ziel angelangt, erinnert sich der Erzähler, dass Miss Pask bereits vor einem Jahr verstarb und in ihrem eigenen Garten beigesetzt wurde … Fassungslos fragte er sich, wie er nur den Tag vergessen konnte, als die Schwester am Tag seiner Abreise in Tränen und Trauerkrepp am Kai stand und ihm von dem Unglück erzählte. Schließlich macht er seine Erkrankung dafür verantwortlich und will bereits umkehren, als er sich kurze Zeit später einer munteren Mary Pask gegenübersieht. Das bleiche Wesen ist hocherfreut über sein Kommen und verstrickt ihn in eine bizarre Unterhaltung über ihr elendes Leben in dieser wellenumtosten Gegend. Da sie keinesfalls gewillt ist, ihren Besucher wieder gehen zu lassen, bleibt ihm nur die panische Flucht.

 

Hier bedient Wharton sich dem poe´schen Stilmittel des unglaubwürdigen Erzählers. Ob ihn nun die vorangegangene Krankheit einen Sinnesstreich gespielt oder aber die Begegnung mit der armen Einsiedlerin tatsächlich stattgefunden hat, erfährt der Leser erst am Schluss …

 

Edith Wharton erlaubt uns die Sicht auf eine kleine geordnete und vermeintlich heile Welt, in der Dienstmädchen mit gestärkten Schürzen durch eichengetäfelte Säle huschen und Kutschen durch verschneite Landschaften rauschen, während ihr Gebimmel leise in der frostigen Einsamkeit verhallt. Sie legt großen Wert auf eine genaue Charakterbezeichnung, um sie später mit den Orten und Handlungen kunstvoll miteinander zu verweben. Technisch beeindrucken die Geschichten in der Art, wie die Wharton Spannung erzeugt. Denn spätestens nach der dritten Seite wird mit gezielt gesetzten Auslassungen eine beklemmende Atmosphäre heraufbeschworen. Ihre Andeutungen sind zart und schwer fassbar, was den Reiz des Unheimlichen noch verstärkt. Dabei zerrt sie nicht nur den vornehmen Geldadel hinter den Schleier des Dämonisch-Übernatürlichen – das unbekannte Grauen fällt jeden an, gleichgültige, welcher Gesellschaftsschicht ihre Heldinnen und Helden angehören.

 

Die langen Sätze und ausrufende Interpunktion sind der Mode des neunzehnten Jahrhunderts geschuldet. Als Leser muss man ein feines Gespür für die Zwischentöne entwickeln, für das Flüstern und Raunen, das aus den dunklen Winkeln jener herrschaftlichen Häuser dringt. Zuweilen verstrickt sich die Autorin in zu vielen Details, die den Sinngehalt der Erzählung zu erschlagen drohen. So musste ich zum Beispiel Die Augen zweimal lesen, um den Zusammenhang zu erkennen. Überhaupt sind Whartons Erzählungen keine flüchtige Lektüre. Trotz ihrer klischeebeladenen Schauplätze, den liebwerten und harmlosen Protagonisten besitzen sie ein hohes Maß an niveauvolle Unterhaltung, ohne übertrieben literarisch zu wirken. Wer mit der altertümlichen Wortwahl und dem oft langen, verschachtelten Satzgefüge keine Schwierigkeiten hat, dem wird eine gruselig-angenehme Unterhaltung geboten, die noch lange nachwirkt.

 

Die amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton (1862-1937) wuchs in New York und Europa auf und gilt als Verfasserin sozialkritischer Romane. 1921 erhielt für ihren Roman Zeit der Unschuld als erste Frau den Pulitzerpreis. Edith Wharton starb 1937 in Frankreich.

 

Copyright © 2012 by Julia Vogel

Publiziert 30. August 2012 | Von Julia Vogel | auf geisterspiegel.de

 

Edith Wharton, Gespenstergeschichten
Insel Taschenbuch
Suhrkamp Verlag, Berlin
310 Seiten, 7,00 Euro
ISBN: 9783458357766
Aus dem Amerikanischen von Andreas Vollstädt
Die Originalausgabe Ghosts erschien 1937, als deutsche Ausgabe erstmals 1991 bei Suhrkamp

 

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