Kichernde Kobolde im Wald, oder die Definition der Phantastik.

Es ist bereits eine Herausforderung, einzelne Genres der Literatur zu bestimmen. Will man ferner die unzähligen Subgenres beschreiben, gerät das Ganze zu einer Lebensaufgabe. Zum Glück bieten Bücher und Internet eine Fülle an Erläuterungen, weshalb ich nur grob auf die einzelnen Bezeichnungen eingehen werde.    

Gelegentlich wird der Begriff »Phantastik« mit Science-Fiction gleichgesetzt:

Bevor Fantasy oder Science-Fiction als eigenes Genre Anerkennung fanden, wurde Phantastik oft (z. B. abgrenzend zur Utopie) als Synonym für Science-Fiction verwendet.

  • Eine ältere, aber immer noch gebräuchliche Systematik betrachtet die Phantastik als Gruppe jener literarischen (filmischen etc.) Werke, in welchen aktuell nicht real erscheinende Elemente vorkommen.
  • Science-Fiction ist hier der Bereich, der ohne Übernatürliches (wie Zauberei und Fabelwesen) operiert.
  • Bei Fantasy dagegen gehören Magie und/oder Fabelwesen zur Kulisse bzw. zur Handlung.

(Quelle: Wikipedia, gekürzt)

 

Hierzu eine kleine Geschichte:

   Ein junges Pärchen geht im Wald spazieren. Schräge Sonnenstrahlen sickern durch das Blätterdach, es riecht nach frischgeschlagenem Holz und warmer Erde. Dieser Wald ist so real wie das Leben selbst.
   Aber plötzlich verlassen die beiden den sicheren Pfad, aus Gründen, die uns nichts angehen, oder aber ein merkwürdiges Kichern im Unterholz weckt ihre Neugierde. Nichtsahnend dringt das Paar tiefer in das schummrige Grün, bis sie den Pfad aus den Augen verlieren – sie haben sich verlaufen. Unruhe kommt auf, das Gefühl hilfloser Verwirrung. Denn die Natur kann grausam sein und der Wald ist dunkel, der Abend naht.   

   Inmitten von Gesträuch finden sie schließlich einen hohlen Holzstamm. Er ist groß genug, um hineinzukriechen und die beiden beschließen, die Nacht darin zu verbringen.
   Am nächsten Morgen ist der junge Mann verschwunden. Stattdessen klafft ein großes Loch im Erdreich, aus dem erneut das seltsame Kichern ertönt. Das Mädchen nimmt all seinen Mut zusammen und kriecht hinein …

In der klassischen Sage trifft sie auf die Behausung der Kobolde. Da sich der Liebhaber offenbar davongemacht hat, führen sie das Mädchen in einen Saal, der angefüllt ist mit Gold und Edelsteinen. Die Kobolde erlauben ihr, sich davon zu nehmen, so viel sie tragen kann für das Versprechen, niemandem ihr geheimes Erdloch zu verraten. Doch das Mädchen läuft erschrocken davon und erzählt alles ihrer Mutter, womit sie sich die Möglichkeit vertut, ihren Liebsten jemals wiederzusehen. Das Erdloch verschwindet und der arme Kerl verwandelt sich in einen Kobold, der nun kichernd durch den Wald laufen muss, um arme Spaziergänger zu erschrecken. Deshalb heißt der Ort bei der Bevölkerung »Wald der kichernden Kobolde«.

In der klassischen Fantasy findet sich das Mädchen in einer anderen Welt wieder, die von wunderlichen Wesen bevölkert wird. Sie erlebt etliche Abenteuer und Gefahren, um ihren armen Geliebten aus den Fängen eines bösartigen Dämons zu befreien. Kobolde, Zwerge, Elfen, Geister und Magier helfen ihr bei der Suche, denn sie alle wollen die Vernichtung des Bösen!

Bei der Science-Fiction finden wir uns in ferner Zukunft wieder. Der Wald ist ein Überbleibsel vergangener Zeiten und es ist unter Strafe verboten, diesen Ort zu betreten. Denn im modrigen Unterholz hocken bis heute mysteriöse Steinskulpturen, die bei Berührung eine Krankheit freisetzen und damit einst die Menschheit auf die Hälfte dezimierte. Unser Pärchen gehört einer Forschergruppe an, die herausfinden will, woher die Skulpturen stammen. Wurden sie erbaut von außerweltlichen Wesen des extrasolaren Planeten Ypsilon Ari, deren Kult auf der Erde vor Jahrtausenden zusammen mit dem Maya Kalender sein Ende fand? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren …

In einer phantastischen Erzählung im Stile H. P. Lovecrafts gleitet das Ganze in verstörende Dimensionen ab. Das Mädchen dringt tiefer in den Untergrund und findet einen glänzenden Obsidian mit seltsamen Schriftzeichen. Als sie das Ding berührt, löst sie eine dramatische Kettenreaktion von Ereignissen aus, die ich angesichts ihrer Grausamkeit nicht näher beschreiben möchte. Nach langer Suche findet sie ihren Liebhaber, der jedoch von abscheulichen Kreaturen begleitet wird, die ihn den Großmeister des MaK´lah He nennen, denn er ist der dritte Sohn der Umaluh. Sie wird von namenlosem Entsetzen gepackt und flieht. Nachdem man sie schreiend und dem Wahnsinn verfallen im Unterholz findet, wird sie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wo sie nun versucht, ihre Erlebnisse niederzuschreiben.
Die Poe´sche Variante: Der Junge verschwindet nicht und hofft stattdessen, lebend die Nacht zu überstehen. Denn von überallher dringen seltsame Laute durch das Unterholz und erst dieser entsetzliche Geruch! Vor Erschöpfung schläft das Mädchen ein, während er sich auf die Suche nach diesem seltsamen Kichern begibt.
Am nächsten Morgen kehren beide wohlbehalten nach Hause zurück, aber der Junge benimmt sich seitdem immer seltsamer. In seinen Augen glimmt das unermessliche Grauen, und spricht man ihn auf die erlebte Nacht an, verfällt er in eine eigenartige Lethargie. Er schließt sich in sein Zimmer ein und lässt niemanden mehr zu sich. In den Nächten vernehmen die Bediensteten merkwürdiges Gekicher hinter der Tür und ein bestialischer Gestank kriecht durch den Spalt darunter …

 

 

Es ist kein Geheimnis, dass der Kern all dieser Geschichten in wundersamen Sagen zu finden ist, in den Chroniken verfluchter Familien oder den Legenden über verwunschene Orte oder verhexter Gegenstände.


Und niemand wird bestreiten, dass die eine oder andere Überlieferung einen Funken Wahrheit besitzt.


Was Jahrhunderte lang friedlich in der Vergessenheit schlummerte, wird in literarischer Form wieder auferweckt, gut verpackt in das Gewand subtiler Gruselleien oder grotesken Horrors. Bis heute faszinieren uns diese Art Geschichten, worin die Vorstellung der Wirklichkeit in eine Parallelwelt abgleitet, die in dieser Form einfach nicht existieren kann.