Weiße Nächte von Julia Vogel

 

Du siehst sie, wenn der Tag anbricht. Blütensterne begrüßen die ersten Sonnenstrahlen aus einem Meer winziger Diamanten. Ich versuche mir einzubilden, dass es echte Blumen sind, doch sie zerfallen wie frostige Brotkrumen, sobald ich die Hand nach ihnen ausstrecke.

Man nennt sie Meereisblumen.

Ein schöner Name, höre ich dich sagen. Und du weißt, dass diese hübschen Salzgebilde nur dort wachsen, wo die Eisoberfläche dünn ist wie Papier.

Ich muss dich enttäuschen. Gäbe es hier junges Eis, das sich mit einem Schiff durchstoßen ließe, dann säße ich nicht in diesem Wrack, eingehüllt in Hundefelle, die wir von den Kadavern ziehen mussten; umgeben von Packeis und den verscharrten Leichen meiner Kameraden. Es werden Monate oder Jahre vergehen, bis uns jemand findet. Irgendwann beginnt dieses verfluchte Eis zu driften und das Schiff wird am anderen Ende des Pols wieder ausgespuckt. Die dort lebenden Menschen werden zunächst an ein Wunder denken, bis sie unsere erstarrten Leiber finden, denen die gefrorenen Zungen aus den Hälsen hängen …

Ein Jahr ist es jetzt her, dass wir uns für dies Abenteuer entschieden. Mit großen Worten und blumigen Versprechungen verstand es T. Rutherford, uns für sein Unternehmen zu begeistern, schließlich verfolgte der Engländer das ehrgeizige Ziel, die Missweisungen am Nordpolarmeer zu untersuchen. Mit seinen Studien zum Erdmagnetfeld wollte er beweisen, dass es zu Abweichungen zwischen dem magnetischen und geografischen Nordpol kam; ein sehr zweifelhaftes Unternehmen, wie sich später herausstellte. Rutherford eilte der Ruf eines Worthelden voraus und dementsprechend chaotisch waren die Reisevorbereitungen, überdies fehlte es an Geld und Einfluss. Als Forschungsschiff diente ein umgebauter Schoner, dessen ursprünglicher Zweck der Walfang im nördlichen Polarmeer war. Die Takelage blieb unverändert und ein zusätzlicher Hilfsmotor verlieh dem Schiff eine Geschwindigkeit von 11 Knoten. Es war wie geschaffen für Erkundungen im Eis – bis es Rutherford auf den Namen seiner verstorbenen Tochter umtaufen ließ –

Seemänner wissen aus Erfahrung: Ein Schiff darfst du nicht umtaufen! Niemals! Dass Rutherford es trotzdem tat, führte uns direkt ins Verderben!

Für die Erkundungen über Land waren zwei Hundeschlittengespanne vorgesehen, jedoch war der Proviant knapp bemessen, die Ausrüstung unvollständig und es gab keinen Arzt an Bord. Während der Reise starben drei Männer an Lungenentzündung, die restliche Mannschaft litt an Kälte und Skorbut. Wen wunderte es, dass das Funkgerät bereits defekt war, kaum dass wir die nördlichen Gewässer erreicht hatten. Als der Sturm losbrach, trieben wir hilflos und von der Außenwelt abgeschnitten in der aufgewühlten See; zu spät holten wir die Segel ein, haushohe Wellen schlugen über uns zusammen und die überkommende Gischt vereiste die Takelage, bis sie schwer war wie Blei. Als der Hilfsmotor ausfiel, drohte das Schiff zu kentern, doch eine unsichtbare Hand zog es aus dem offenen Meer in die Packeiszone hinein, wo uns die ewige Kälte begrüßte. Unter der blassen Sonne des Nordpolarmeeres mauerte sie uns ein, für immer.

Um den Rumpf zu schützen, schlugen wir Rinnen in das Eis, und als das nichts half, legten wir ein Feuer, in der Hoffnung, von einem anderen Schiff gesehen zu werden. Alle Versuche blieben erfolglos, es gab nichts, was wir tun konnten. Rutherford fluchte, zu dieser Jahreszeit könne auf der Nordhalbkugel unmöglich Winter sein und die Fahrwege müssten frei sein von Eis. Nun, sie waren es nicht und es stellte sich heraus, wie unerfahren wir auf diesem Gebiet waren. Weder kannten wir unsere genaue Position, noch wussten wir, wie wir mit zehn Mann Besatzung und den Hunden überleben sollten.

Zwei Tage später sahen wir Seeschwalben am Himmel kreisen und unsere Jubelschreie hallten über das Eis – vor uns befand sich die Küste! Hastig stellten wir eine Rettungsmannschaft auf, spannten die besten Hunde an und trugen Proviant für mehrere Tage zusammen. Rutherford führte die Gruppe an und versprach, rasch Hilfe zu holen. Ich blieb mit meinem Freund Marten, drei Männern und dem Kapitän auf dem Schiff zurück, das sich verbissen gegen den enormen Druck der Eisschollen zur Wehr setzte.

An diesem gottverlassenen Ort wird es monatelang nicht dunkel, die Sonne steht unaufhörlich am Horizont und begnügt sich mit einem minimalen Farbenspiel. Man vergisst, wann es Tag ist und wann Nacht. Wir vertrieben uns die Zeit mit der üblichen Schiffsroutine, während um uns herum die weißen Nächte kein Ende nahmen. Um überhaupt schlafen zu können, banden wir uns Tücher vor die Augen und machten Witze darüber.

Nach vierzehn Tagen wussten wir, dass die Rettungsmannschaft es nicht geschafft hatte. Mit Gewehren bewaffnet brachen Marten und ich auf, um unsere Vermutung bestätigt zu sehen; der Zustand des Packeises machte ein Vorankommen unmöglich. Vor uns taten sich meterdicke Spalten auf, die jederzeit ihr Aussehen verändern konnten, und an einigen Stellen türmte sich das Eis bis zu zwei Meter hoch. Die Kameraden blieben verschollen, stattdessen fanden wir Rutherford zu einer starren Mumie gefroren in einer der Spalten hängen. Er trug das gesamte Navigationsbesteck bei sich, dazu einige Landkarten und seine bisherigen Aufzeichnungen. Alles lag verstreut auf dem metertiefen Vorsprung, der seinen Sturz abgefangen hatte.

Mühsam versuchten wir, die Gegenstände zu bergen, doch das Auftauchen eines aufdringlichen Eisbären unterbrach unser Vorhaben. Wir verschossen einen Haufen Munition und ließen Rutherford in seinem eisigen Grab zurück, um es zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu versuchen. Beim Schiff angelangt, erwartete uns die nächste Katastrophe: Der Kapitän und die drei Kameraden hatten sich mit der restlichen Verpflegung aus dem Staub gemacht und nur eine verletzte Hündin zurückgelassen.

Man hört das Eis arbeiten. Es stöhnt und ächzt wie ein uralter Frostriese, der seine beste Zeit längst hinter sich hat. Tag und Jahr schleppt er seinen Leib voran, ohne Ziel und ohne Hoffnung. Das Schiff ist ein Splitter in seinem öden Fleisch und er reibt seine todbringenden Glieder aneinander, um es herauszuziehen. Die Temperatur sinkt auf minus 12 Grad und wir flüchten in das Innere des Schiffes.

Lass das Feuer nicht ausgehen, sagt Marten. Und wenn es erlischt, darfst du nicht einschlafen. Denn der Schlaf ist der Tod. Halte durch, mein Freund.

Wir hängen Decken und Felle vor das Schott, damit die Kälte nicht eindringt. Um den Flammen Nahrung zu geben, werfen wir alles hinein, was wir finden können: Logbücher, Planken, Seekarten, Lumpen. Das Stiefelleder lassen wir für schlechte Zeiten, sagt Marten.

Wie schlecht muss es noch kommen?, will ich wissen und drücke die Hündin an mich, ein schönes Tier mit Augen, die dem arktischen Himmel gleichen. Das Feuer brennt zu jeder Stunde, es füllt die Kabine mit beizendem Rauch und kann doch die Kälte nicht vertreiben, die durch die Ritzen kriecht und jede Fläche mit einem Flaum schillernder Kristalle bedeckt. Marten ist der Meinung, eine erneute Expedition sei sinnlos. Ohne Navigation seien wir dem Eis ausgeliefert, wir müssten auf die Bemühungen der Kameraden hoffen.

Die Robben verstecken sich vor uns. Unsere Jagdausflüge werden immer beschwerlicher und seit Tagen fegt ein Sturm über die Eiswüste.

Heute mussten wir die Hündin erschießen. Wie Schlächter machten wir uns über das dampfende Fleisch her und ich verachtete mich dafür. Sie war ein stolzes Tier. Als sie starb, lag in ihren eisblauen Augen eine beneidenswerte Ruhe und ihre Blicke verfolgen mich seitdem bis in den hintersten Winkel des Schiffes.

Später dann, es muss Nacht sein, höre ich diese schauerlichen Gesänge, Lieder der Rache. Ich weiß nicht, wer diese Wesen sind und was sie wollen und versuche, meine Ohren mit Wachs zu verstopfen; ich bete, diese Kreaturen dort draußen mögen verschwinden! Ich bete, dass ich nicht einschlafe. Denn Schlaf ist der Tod.

Das Feuer ist ausgegangen.

Die Kälte frisst sich weiter durch die Ritzen und uns fehlt die Kraft, die Flammen neu zu entfachen. Seit Tagen haben wir nichts mehr gegessen, selbst das zähe Stiefelleder ist aufgebraucht. 

Ich bin so müde, dass ich meinen Namen vergesse und den Grund, weshalb wir hier sind. Um uns wachzuhalten, schlagen wir uns gegenseitig mit einem Tampen auf den Rücken. Es ist eine abnorme Form der Sühne, eine Geißelung ohne fromme Hintergedanken, mit Ausnahme der Hoffnung, endlich aus diesem Eiskerker befreit zu werden. Zwei verlumpte Männer, die sich mit einem Stück Tau Schmerzen zufügen, um nicht dem Kälteschlaf zu verfallen; wie viel Qual kann der menschliche Geist noch aushalten?

Unser Leben schrumpft auf zwei Bedürfnisse zusammen: nicht verhungern, nicht erfrieren. Leben und überleben. Draußen ist es weder Tag noch Nacht. Wir streiten über jede Kleinigkeit wie ein Ehepaar, das sich gegenseitig leid ist. Ich schreibe Briefe und wirre Gedichte; kleine Zettel helfen mir, mich an wichtige Dinge zu erinnern und die Wochentage zu zählen.

Ich kann nicht still sitzen, muss ständig aufspringen, in Bewegung bleiben, sonst schlafe ich ein. Die Muskeln zucken, als wollten sie meinem Gehirn nicht mehr gehorchen, und schmerzen bei jedem Schritt. Der Bart reicht mir bis zur Brust, mein Gestank ekelt mich an, doch das Waschen erfüllt mich mit Grausen. Ich sehe widerliche Insekten über meinen Körper kriechen, fühle den Druck ihrer Beine durch den Hemdstoff, wenn sie hastig an mir hinaufkriechen und plötzlich verschwinden.

Es beginnt an der Nase, den Ohren, den Zehen und den Fingerspitzen. Die roten Flecken werden zu brandigen Blasen und wenn die Schmerzen verschwunden sind, ist das Gewebe tot. Ich verstecke diese gefühllose Masse, die meine Finger waren, in dicken Fäustlingen, deren Wollfasern längst nicht mehr wärmen. Bei unseren täglichen Jagdversuchen kann ich mein Gewehr nicht mehr halten. Ich sage Marten nichts davon, doch er weiß es und am Ende geht er allein. Mit jedem Tag bleibt er länger fort, was mir Sorgen bereitet. Manchmal sehe ich Dinge, die nicht da sind. Lichter, die durch die Gänge tanzen, grässliche Kreaturen mit rot glühenden Feuerkohlen anstelle von Augen. Sie hocken in den Lagerräumen, die noch nicht überflutet sind, und starren mich an. Marten versucht mich zu beruhigen, seine Stimme zerrt an meinen Nerven und ich brülle ihn an, dass er gefälligst die Schnauze halten soll. Eine unsägliche Wut kocht in mir auf wie heiße Säure in einem verschlossenen Topf, und ich kann nichts dagegen tun. Unsere Zuflucht stinkt nach Tod und Wahnsinn.

Draußen lauern Wesen in den Fluchten der Presseishügel. Sie wollen ihre Raubtierzähne in mein Fleisch schlagen und genauso gut könnte ich ihres verschlingen, aber die Munition reicht nicht aus, um sie zu erlegen. Ich finde Rutherfords Tagebuch vor dem Schott liegen, die Seiten sind leer. Mein Kopf schmerzt.

In dieser Nacht singen sie besonders laut. Es ist ein Totenlied für unsere Kameraden. Ich weiß, dass das keine Wale sind, nein, es sind Wesen aus einer fremden Welt, einer Welt, die wir nicht kennen und niemals betreten dürfen.

Heute fand ich einen Zettel mit dem Hinweis, dass Marten tot sei. In letzter Zeit finde ich immer wieder Botschaften, die ich nicht zuordnen kann. Das ist nicht meine Handschrift, er will mich irremachen! Jeden Tag schleicht er sich hinaus in die Eiswüste, ich muss ihm folgen und herausfinden, wohin er geht. Ich weiß, er will Rutherfords Karten finden und dann von hier verschwinden, ohne mich!

Draußen begrüßen mich die Eisblumen wie einen lieb gewonnen Freund. Das Licht schmerzt in meinen Augen, ich sehe überall gelbe Punkte auf- und abtanzen. Lange Zeit stolpere ich über messerscharfe Eiskanten, wälze mich über Hügel und Spalten durch dieses gleißende Meer der Stille; und immer das Gewehr in der gefühllosen Hand. Dann entdecke ich einen Schatten, der sich hinter einer der Erhebungen verbirgt. Vorsichtig folge ich ihm. Mein Atemgeräusch stört mich und es braust in meinen Ohren.

Ich brülle Martens Namen und tatsächlich – er antwortet mir. Meine Wut treibt mich voran und ich folge seinen Fußspuren bis zu einer Spalte. Auf der anderen Seite steht Marten, der mir sagt, dass ich das verdammte Gewehr aus der Hand legen soll. Neben ihm liegt ein Bündel aus Seilen, er hält Papiere in den Händen, lachend hebt er sie in die Höhe – doch was ist das für ein Geräusch? Es zerreißt die Stille und mein Trommelfell. Ich schreie auf und sehe ihn fallen.

Ich träume. Von einem lauen Sommertag und blühenden Wiesen. Ich höre eine Stimme und mit einem Mal kniet er neben mir.

Marten, mein Freund. Ich bin müde.

Steh auf, sagt er zu mir.

Während er mir aufhilft, stelle ich fest, dass ich beim Sprechen den Mund nicht öffnen muss; wir verstehen uns auch ohne Worte, nicht wahr, mein Freund?

Komm jetzt, wir müssen von hier fort.

Zu den Meereisblumen?, frage ich.

Ja.

In der Nacht schließen sich die Blüten, und wenn du die Finger nach ihnen ausstreckst, spürst du das Leben darin.