Tür No.5 liebt es eisig

Vor drei Jahren las ich die Aufzeichnungen der großen Polar-Forscher Ernest Shackleton und Robert Falcon Scott.

Von Shackletons Endurance-Expedition inspiriert, entstand meine Kurzgeschichte Weiße Nächte. Hier eine kleine Leseprobe:

 

Weiße Nächte von Julia Vogel

 

Du siehst sie, wenn der Tag anbricht. Blütensterne begrüßen die ersten Sonnenstrahlen aus einem Meer winziger Diamanten. Ich versuche mir einzubilden, dass es echte Blumen sind, doch sie zerfallen wie frostige Brotkrumen, sobald ich die Hand nach ihnen ausstrecke.

Man nennt sie Meereisblumen.

Ein schöner Name, höre ich dich sagen. Und du weißt, dass diese hübschen Salzgebilde nur dort wachsen, wo die Eisoberfläche dünn ist wie Papier.

Ich muss dich enttäuschen. Gäbe es hier junges Eis, das sich mit einem Schiff durchstoßen ließe, dann säße ich nicht in diesem Wrack, eingehüllt in Hundefelle, die wir von den Kadavern ziehen mussten; umgeben von Packeis und den verscharrten Leichen meiner Kameraden. Es werden Monate oder Jahre vergehen, bis uns jemand findet. Irgendwann beginnt dieses verfluchte Eis zu driften und das Schiff wird am anderen Ende des Pols wieder ausgespuckt. Die dort lebenden Menschen werden zunächst an ein Wunder denken, bis sie unsere erstarrten Leiber finden, denen die gefrorenen Zungen aus den Hälsen hängen …