Sturmgesang Fortsetzung

»Wasser …«

»Wasser!«, gellte es durch die Reihen, »bringt dem Mann Wasser! Beeilung!«

Noch immer sah ich verzerrt und nur soviel, dass einer der Männer eine Schale in der Hand hielt und zu zögern schien, sie mir an die Lippen zu setzten. Meine Augen starr auf das Ding gerichtet, als könnte ich es mit bloßer Willenskraft aus seinen Händen lösen, ärgerte ich mich über sein Zaudern, nein, es machte mich wütend, aber meine Kehle war zu ausgetrocknet, als dass ich hätte sprechen können.

»Und wenn es ihn umbringt?« Das war die Stimme des Schiffkochs. »Sollten wir ihn nicht nach unten bringen?«

»Dann tu es doch«, rief ein anderer. »Ich fass ihn jedenfalls nicht an!«

»Warum bekommt er denn kein Wasser!«

Das war Jim. Verschwommen sah ich, wie das Gefäß seinen Besitzer wechselte, kurz darauf floss das kühle Nass durch meine Kehle.

Mein guter Freund Jim. Etwas einfältig war er und viel zu klein, um in die Takelage hinaufzuklettern, weshalb er den quälenden Spott der Männer über sich ergehen lassen musste. Mit seinen dünnen Armen taugte er gerade zum Polieren des Messings in der Kapitänskajüte, aber er war ein feiner Kerl.

Und der Einzige, der sich jetzt meiner annahm.

»Bei der heiligen Maria«, rief er aus, »wir sahen dich bereits auf dem Weg zu unserem lieben Herren fahren!«

Ich versuchte mich aufzurichten, während die Umstehenden einen Schritt zurückwichen. Ihre Gestalten verschwammen zu einem Brei aus Farben. Einige liefen barfuß, andere hielten Gegenstände in den Händen, aber ihre vertrauten Gesichter konnte ich nicht erkennen. Meiner Mutter erging es genauso, als ihr Augenlicht nach jahrelanger Arbeit in einem Kellergewölbe immer weiter nachzulassen begann. Ein Schauer durchfuhr mich beim Gedanken daran.

»Jim, was ist geschehen? Sind wir durch den Sturm hindurch? Wo ist Kapitän Jotam?«

Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich, aus dem Mienenspiel meines Freundes eine Antwort zu lesen. Dabei bemerkte ich seinen Blick zu den umstehenden Männern, die weiterhin Abstand von uns hielten und leise miteinander sprachen.

»Du solltest dich erst einmal ausruhen, du siehst fürchterlich aus«, lachte Jim, aber seine Stimme klang alles andere als freudig.

»Ich will wissen, was hier geschehen ist! Warum haben die Männer Angst vor mir?«

»Nun ja – es ist nichts.« Jims Gesicht verzerrte sich, was wohl ein Lächeln werden sollte und gründlich misslang. »Du hast einen ordentlichen Schlag auf den Kopf bekommen, mein Freund.«

»Jim, komm her«, rief der Bootsmann, ein hünenhafter Friese. »Und ihr anderen hört auf zu gaffen und geht wieder an eure Arbeit, vorwärts!«

Mein Freund stand auf – eine Spur zu hastig, wie mir schien.

Während die Männer sich zerstreuten, sank ich auf den Rücken zurück und hörte dem Schlagen der Wellen zu. Der Sturm hinterließ eine Nachhut kräftiger Winde, die den Hanf in der Takellage knurren ließen, als sei es ihm zu feucht dort oben. Ich schloss die Augen und fragte mich, was den Männern derart Angst einjagte. Dabei konnte die Schiffsbesatzung einem Abenteuerroman als Vorlage dienen. Der Ton an Bord war rau und die Moral grimmig wie die Burschen selbst. Die Schrecken der Ozeane entlockten dem Kapitän nur ein mattes Schulterzucken. Als einer der wenigen nahm er die Gefahren unbekannter Gewässer auf sich, um mit seinem Dreimaster kostbare Güter aus den entlegensten Winkeln der Erde in die Handelshäfen zu bringen – gegen gutes Geld, versteht sich. Er war ein tatkräftiger Kerl, der die See und seine Bücher liebte und Versprechen nur selten einhielt. Gerne hätte ich erfahren, was mit ihm geschehen war.

Als Jim zurückkam, war ich fast weggeschlummert. Seine Hand lag kurz an meiner Schulter, und als ich die Augen aufschlug, zog er sie wieder fort.

»Ich bringe dich nach Achtern, mein Freund. Dort kannst du dich ausruhen.«

Niemand half uns dabei, als wir das Hauptdeck entlangschlurften, und die Männer wichen vor uns zurück. Ich zermarterte mir das Hirn deswegen; etwas muss während des Sturmes geschehen sein, außerdem waren die Seeleute derart abergläubisch, dass es schon an Wahnwitz grenzte.

»Was ist mit mir geschehen?«, wollte ich von Jim wissen, der Mühe hatte mich zu stützen. Statt einer Antwort fragte er mich, ob ich Schmerzen hätte, was ich verneinte. Er plapperte weiter und die Angst ließ seine Stimme vibrieren.

Auf dem Achterdeck blieben wir vor einem Bretterverschlag stehen. Für gewöhnlich wurde darin das Vieh untergebracht, bisweilen benutzte man ihn auch als Gefängnis. Die Gitterstäbe bestanden aus Eisen und ein Mensch musste den Kopf einziehen, um hineinzukriechen. Eine böse Ahnung beschlich mich.

»Was sollen wir hier, Jim? Bring mich zum Schiffsarzt.«

Jim senkte die Stimme. »Aber der Bootsmann hat gesagt …«

»Was hat der denn zu bestimmen? Der hat die Pfeife zu blasen und die Segel zu richten, beim Teufel! Wo ist Kapitän Jotam?«

Die Anstrengung erschöpfte mich. Ich ließ mich nieder und Jim nutzte die Gelegenheit, um mich in das Innere des Stalls zu schieben.

»Ich werde es dir etwas behaglicher machen, ah, hier ist sogar eine Decke, siehst du? Der Koch soll dir etwas zu essen bringen und der Arzt wird auch bald nach dir sehen sobald er die anderen –«

Bevor er weitersprechen konnte, griff ich nach seinem Handgelenk, das nahe genug vor meinem Gesicht hing. Jim schrie leise auf und ich zog ihn zu mir heran.

»Bin ich dir nicht immer ein guter Freund gewesen?«, raunte ich in sein Ohr.

Jim erblasste und nickte.

»Habe ich dich nicht immer vor den Männern beschützt, die dich einen Krüppel nennen?«

Jim nickte erneut und blickte zur Seite.

»Dann sag mir auf der Stelle, was hier vor sich geht. Warum benehmen sich alle, als sei ich von stinkenden Geschwüren befallen? Und warum werde ich in diesen Käfig gesperrt?«

Jim wand sich unter meinen Griff und ich dachte nicht daran locker zu lassen, bevor ich nicht endlich eine Antwort erhalten hatte. Aber bevor er den Mund aufmachen konnte, erschien der Schiffsarzt und steckte den Kopf in den Verschlag. Ich ließ Jim los, der sich Mühe gab, nicht allzu erleichtert zu wirken.

»Da haben wir ja den Totgeglaubten.«

Die Stimme des Arztes besaß keinerlei Emotionen. Ich versuchte, das Gesicht des Mannes zu erkennen, der eigentlich kein Arzt war, sondern ein Barbier mit zweifelhaften Fähigkeiten beim Aderlass und Zähneziehen.

»Das war ein mächtiger Schlag auf den Kopf«, wiederholte er Jims Worte, machte aber keinerlei Anstalten mich anzufassen.

»Warum untersuchen Sie mich dann nicht?«

»Soweit ich das beurteilen kann, sind Sie unverletzt.«

»Ich kann nichts sehen, meine Augen, etwas stimmt nicht mit mir!«

»Erinnern Sie sich an ihren Namen?«, fragte der Arzt unvermittelt. Hinter ihm sog Jim hörbar die Luft ein.

»Meinen Namen?« Ich runzelte die Stirn. »Nein, ich … warum kann ich mich nicht erinnern?«

»Nun, das ist nicht weiter ungewöhnlich bei einem Schlag wie diesem. Sie sollten sich einige Tage ausruhen, dann wird es Ihnen bald wieder besser gehen und Ihre Erinnerungen kehren zurück. Schlafen sie«, beschied der Arzt und erhob sich. Scheppernd schloss er die eiserne Tür und drehte zweimal den Schlüssel im Schloss. Ich krallte meine Finger um die Eisenstäbe.

»Jim! Sag mir endlich, was hier vor sich geht!«

Aber mein Freund stolperte rückwärts und folgte dem Arzt in den Bauch des Schiffes.

Die folgenden Stunden zogen sich dahin. Das Schiff rollte in der Dünung, Seewasser spritzte über die Reling. Einer der Männer schob mir einen Kanten Brot zu und verschwand so schnell, dass ich nicht erkennen konnte, wer es gewesen war. Die Schüssel mit Pökelfleisch, die mir der Schiffsjunge durch die Gitterstäbe schob, ließ ich unberührt. Meine Gedanken überschlugen sich, surrten wie ein Bienennest in meinem Schädel umher. Als die Sonne lange Schatten über das Deck malte, bemerkte ich die ersten Veränderungen an meinem Körper. Meine Haut brannte wie Quallenfeuer, ich kratzte wie besessen und meine Sorgen wuchsen mit jeder Minute. Vorsichtig befühlte ich mein Gesicht; die Haut war spröde und meine Lippen geschwollen. Der erste Krug mit Wasser war rasch geleert und ich bekam keinen Zweiten. Ein unruhiger Halbschlaf befiel mich, immer wieder fuhr ich auf, der Durst wurde schier übermächtig und der Juckreiz raubte mir die Sinne.

Als ich das nächste Mal erwachte, umgab mich Schwärze. Der glühende Stahl der Angst durchfuhr meinen Körper – war ich nun vollkommen erblindet? – um im selben Moment erleichtert aufzuatmen. Inzwischen war es Nacht geworden und der blasse Mond hing am Himmel. Sacht schlugen die Wellen an die Bordwände und ein behäbiger Wind strich über mein Gesicht.

Dann hörte ich Schritte. Sie schlurften über die Planken und gerieten bald in meine Nähe, sodass ich mithilfe des Mondlichts vier Gestalten ausmachen konnte, die einen länglichen Gegenstand schleppten. Undeutlich erkannte ich, wie sie ihn auf die Reling hoben. Um besser sehen zu können, kniff ich die Augen zusammen; kurz drauf kippte das Ding ins Meer. Plötzlich erschien Jim wie aus dem Nichts und schlich geduckt auf mein Gefängnis zu.

»Jim«, flüsterte ich ihm entgegen, »was war in dem Seesack?«

Mein Freund kauerte nieder und schob mir einen Krug mit Wasser zu, den ich mit einem Zug leerte. Dann wiederholte ich meine Frage und Jim schüttelte den Kopf.

»Ich bin gekommen, um dich zu warnen. Die Männer machen dich dafür verantwortlich –« »Wofür verantwortlich? Sprich endlich mit mir, Jim!«

Nach kurzem Zögern begann er zu erzählen:

»Erinnerst du dich an die Geschichte von den drei Meerfrauen, die du mir vor einigen Abenden vorgelesen hast? Dort hieß es, man solle die Hände heben und dem Meer geloben, ihm für immer zu dienen. Dafür sollen die Meerfrauen das Schiff schirmen und die Ladung, solange man lebt. Wenn man aber beabsichtigt, an Land zu gehen und dort zu bleiben, dann sprechen sie einen fürchterlichen Fluch aus. Wir hatten recht viel getrunken und du gingst hinaus, hast die Arme ausgebreitet und dem Meer deine Treue gelobt, ich meinte sogar, drei glänzende Leiber in den Fluten gesehen zu haben, weißt du noch? Im selben Atemzug aber sagtest du, es kaum erwarten zu können in die Heimat zurückzukehren. Bei der heiligen Maria, warum hast du nicht einfach den Mund gehalten! Die Worte waren kaum gesprochen, da kam ein mächtiger Sturm auf, noch nie erlebte ich ein solches Brausen und Toben! Du wurdest von einem herabfallenden Bolzen getroffen, drei Männer gingen über Bord, einer der Masten brach, die Segel hingen in Fetzen und dann dieses Geräusch! Es klang wie ein Singen, als ob die Meerfrauen uns zu sich riefen! Plötzlich verstummte der Orkan und eine unsägliche Hitze legte sich über das Schiff. Der Teer begann zu kochen und quoll aus den Fugen. Und dann, dann brach diese grauenvolle Krankheit aus!«

»Du glaubst doch nicht an diese abergläubischen Geschichten, Jim. Das war nur ein kleiner Scherz, in trunkenen Zustand gesprochen –«

»Aber die anderen sind alle tot, du bist der Einzige, der diese … diese Seuche …«

»Was Jim, was ist mit mir?«

Er sprang auf.

»Ich zeige es dir, aber dafür muss ich etwas holen. Es wird nicht lange dauern.«

Auf nackten Sohlen lief er davon, kaum dass ich begriffen hatte, was er mir da erzählt hatte. Heiser rief ich seinen Namen, doch er kam nicht zurück. Stattdessen erschien der Bootsmann, der, von unserer Unterhaltung aufmerksam geworden, vor dem Stall stehen blieb und die Hände in die Hüften stemmte. Von Anfang an besaßen wir ein ungesundes Verhältnis zueinander, denn der Kerl war streitlustig und übellaunig, zweimal hatte ich ihn bereits beim Stehlen erwischt. Weil er das Innere des Verschlages bereits kannte, schien er mein Unglück sichtlich zu genießen.

»Was war in dem Seesack?«, wollte ich von ihm wissen und erhielt nur ein grobes Lachen zur Antwort.

»Das wollen Sie gar nicht wissen, Mann.«

»War es Kapitän Jotam, ist er tot?«

»Vielleicht wäre es besser für ihn«, antwortete der Kerl und legte den Kopf zur Seite.

»Hör zu«, ich umklammerte die Gitterstäbe, »wenn du mich freilässt, erstatte ich dem Hafenkontor keinen Bericht von deinen Verstößen, verstanden? Du wirst nur auf ein anderes Schiff versetzt.«

»Ich glaube Ihnen nicht. Sie werden genauso verrecken wie all die anderen Hundesöhne. Ein Glück, dass ich mich mit einigen Männern unter Deck befand, als die Seuche kam.«

»Ich will Jotam sprechen, auf der Stelle!«

Zu meiner Überraschung trat der Bootsmann einen Schritt zurück.

»Bringt ihn her!«

Kurz darauf erschienen zwei Männer, die einen Dritten in ihrer Mitte hielten – es war Jim.

Mein Freund wehrte sich wie ein Tier und rief mir etwas zu. Es dauerte seine Zeit, bis ich es verstand:

»Du willst deinen Namen wissen? Du bist Kapitän Jotam und dein Schwur hat uns verflucht! Die Männer geben uns die Schuld daran und werden uns töten! Jotam!«

Die Männer schlugen Jim nieder und zerrten ihn an meinem Gefängnis vorbei, dabei rutschte ihm etwas aus der Hosentasche und in meine Reichweite. Es war ein kleiner Taschenspiegel. Mit zittrigen Händen hob ich ihn hoch und sah hinein.

Eine schauerliche Fratze blickte mir entgegen, wulstige Lippen stülpten sich über eine Reihe spitzer Zähne, die Haut glich einem Geflecht aus winzigen Schuppen. Hastig griff ich nach meinem Hals und zerrte den Hemdkragen fort, wo sich spaltförmige Öffnungen wie Kiemen durch die Haut gruben. Aber am grässlichsten waren die Augen. Zwei lidlose, gallertartige Kreise starrten mich an. Ihre ovalen Pupillen glichen denen eines Raubfisches, groß wie Daumennagel spiegelte sich das Mondlicht auf ihrer glänzenden Oberfläche.

Der Spiegel glitt mir aus der Hand und zerbrach. Ich war so entsetzt, dass ich kaum mitbekam, wie sie mich fassten und an die Reling schleiften.

Sie warfen Jim und mich über Bord. Lähmende Kälte empfing mich und es hätte mir die Luft aus den Lungen pressen müssen, doch das Atmen fiel mir leicht. Auch sah ich klar und deutlich den Rumpf meines Schiffes an mir vorübergleiten als ich tiefer in die Schwärze des Ozeans sank. Jims Augen waren weit aufgerissen, der Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, dann wurde er fortgerissen und verschwand. Drei helle Leiber lösten sich aus dem Dunkel und schwammen auf mich zu; es waren die Meerfrauen, die mein Schiff mit einem Fluch beladen hatten.

Sie nahmen mich mit. Der trunkene Schwur wurde zu meiner Strafe.

Heißt es nicht, dass alleinig der Tod das einzige Versprechen ist, das nie gebrochen werden kann?

 

©Julia Vogel 2010