Tür No.21 erinnert sich ...

Sturmgesang

 

Entfernte Stimmen drangen zu mir, begleitet von Geräuschen regennasser Segel, die gegen die Masten schlugen. Bald darauf umtosten sie meine Ohren gleich den meterhohen Wellen, die uns zehn Meilen vor der atlantischen Küste in einen mächtigen Sturm geführt hatten.

Ich schlug die Augen auf und blickte in das verschwommene Indigo des Himmels.

»Er ist nicht tot«, hörte ich jemandem rufen, »ich habe es euch doch gesagt, er ist nicht tot!«

Ich zwinkerte und versuchte die Gesichter zu erkennen, die über mir hingen wie schmutzige Wäschestücke. Alles, was ich sah, waren Zerrbilder ohne Augen und Münder, es war, als blicke ich durch den Boden eines Glaskruges.

»Durst«, krächzte ich.

Der Haufen erwachte zum Leben; meine Kameraden wandten ihre Köpfe und riefen durcheinander.

»Was hat er gesagt?« – »Lebt er wirklich?« – »Was zum Teufel ist mit ihm?« – »Hol einer den Schiffsarzt!«

Ich hörte ihre Besorgnis, aber keiner der Umstehenden machte Anstalten, mich anzufassen. Feuchtigkeit drang durch meine Kleider, das Seewasser schwappte auf den Bohlen nach Steuerbord und wieder zurück. Der Regen hatte nachgelassen, keine einzige Wolke zeigte sich am Himmel und in Gedanken malte ich mir aus, wie kühles Wasser durch meine ausgedörrte Kehle rann; selbst die brackige Brühe, die wir einst aus den Tautropfen der Segel auffangen mussten, erschien mir noch köstlicher als die sagenumwobene Ambrosia, die sich antike Götter in ihre Hälse gossen …