Tür No.13 Leseprobe!

Hier kommt eine exklusive LESEPROBE für alle, die sich für meine Novelle "Fuchsgold" interessieren. Viel Spaß beim Reinlesen.

Wie jeden Fotografen faszinierte auch mich das Wechselspiel der Farben und des Lichts. An klaren Tagen starrte ich stundenlang durch die Linse meiner Kamera, um die Fluken der Wale in das eisengraue Polarmeer tauchen zu sehen. Ich beobachtete Eisberge, die sich grimmig durch den Ozean schoben, oder schoss Bilder von den wendigen Flugmanövern einiger Raubmöwen. An diesem Ort der Extreme, wo die geneigte Erdachse eine Hälfte des Jahres in finstere Nacht tauchte und die andere in taghelles Licht, entdeckte ich im Sucher Dinge, die nur für mich sichtbar waren und die sich Sekunden später auf lichtempfindlichem Polyester wiederfanden.

An diesem Tag sank der Himmel bleischwer auf uns herab, das graue Meer ging in einen ebenso grauen Horizont über, und Fotografieren wäre reine Zeitverschwendung gewesen.

Als wir schließlich den Strand erreichten und ich aus dem Schlauchboot kroch, konnte ich mich kaum auf den Beinen halten. Es fühlte sich merkwürdig an, nach all den Tagen wieder harten Untergrund zu spüren, fast so, als bestünden meine Knie aus Gelatine. Schwankend wie ein Kleinkind, das gerade laufen lernt, klammerte ich mich an die Reling des Gummiboots, um nicht mit dem Gesicht voran auf den Geröllstrand zu fallen. Ein Blick zur Seite zeigte mir, dass es den anderen aus der Crew nicht besser erging, nur der Kapitän machte sich unverzüglich daran, das Beiboot zu vertäuen. Mit gezielten Schlägen rammte er den Eisenpflock in den Boden, strahlenförmige Risse fraßen sich in das Gestein, und die Erschütterungen pochten dumpf bis in meine Lenden hinauf.

Vorsichtig nahm ich die Hand vom Rumpf und zog den Reißverschluss meines Parkas hoch. Die Kälte kroch mir in jede Pore, und trotz der gefütterten Schneehosen und den dicken Handschuhen war ich bald so durchgefroren, dass ich nackt im Nebel zu stehen glaubte. Fröstelnd griff ich nach meiner Kameraausrüstung und suchte nach markanten Punkten in der Landschaft. Der rätselhafte Dunst schob sich über den Boden, ließ die Umgebung ohne Kontrast und ohne Leben erscheinen, ähnlich einem Lichtbild, das zu lange in der Sonne gelegen hatte. Das Wasser schwappt träge wie Öl an den schmalen Strand, der vor Nässe glänzte, als habe sich die Insel erst vor kurzem aus dem Meer erhoben. In weiter Ferne meinte ich, das Geschrei von Vögeln zu hören, die sich irgendwo im Nebel verbargen. Unter diesen Bedingungen war es unmöglich, die Ausmaße der Insel einzuschätzen, aber der Norweger schien fest entschlossen, sein Vorhaben umzusetzen, denn er rammte den Pflock mit einer Verbissenheit in den Boden, als wolle er jedem von uns klarmachen, dass ein Entkommen von nun an zwecklos sei.

 

Broschiert: 60 Seiten

Verlag: Textlustverlag (November 2013)

ISBN-13: 978-3943295877

EUR 4,95

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